Freitag, 17. September 2010

„Schaut nicht weg!“ – Stephanie zu Guttenberg’s Kirchenschelte ist wenig hilfreich

Paul Herzog von Oldenburg

„Haben wir nicht schon immer gewusst, dass gerade die Machtstrukturen der katholischen Kirche und deren teils weltfremde Sexualmoral den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch einzelne Täter erst begünstigen?“

Sie meinen, das ist ein Auszug aus einem Artikel der TAZ, der Frankfurter Rundschau oder von Wir sind Kirche? Nein, dies stammt aus dem Buch (S.116) von Stephanie Freifrau zu Guttenberg, „Schaut nicht weg!“, in dem sie den Mißbrauch von Kindern thematisiert.

Es ist zu begrüßen, daß die prominente Ministergattin sich zu diesem Thema äußert. Doch mit dem Einschlagen auf die katholische Kirche, in der „massenhaft“ sexueller Mißbrauch betrieben wurde, was „wir [...] schon immer geahnt [haben]“ geht sie zu weit.

Diese Wortwahl hatten wir eigentlich schon hinter uns gelassen und erkannt, daß das Problem des Mißbrauchs von Kindern eben kein spezifisches Problem der katholischen Kirche ist.

Ganz im Gegenteil. Massimo Introvigne, Autor des Buches „Preti pedofili: La vergogna, il dolore e la verità sull'attacco a Benedetto XVI (dt. Pädophile Priester, der Schmerz und die Wahrheit über die Angriffe auf Benedikt XVI.) zitiert die Studie von Philip Jenkins aus dem Jahr 1996 „Pedophiles and Priests. Anatomy of a Contemporary Crisis“. Diese zeigt, daß in den Vereinigten Staaten der Prozentsatz pädophiler katholischer Priester abhängig von der Region zwischen 0,2 und 1,7 % schwankt. Bei den Protestanten, bei denen es ja bekanntlich keinen Zölibat gibt, sind 10 % an sexuellen Mißbräuchen beteiligt und 2 – 3 % sind pädophil. Besonders schwerwiegend ist die Situation unter den Anglikanern. So schreibt ein Bericht des evangelischen Informationsdienstes „Christian Ministry Resources“, daß es in den Vereinigten Staaten 70 Anzeigen (keine Verurteilungen!) im Jahr 2002 pro Woche gab. Der schon zitierte Jenkins berichtet von 39 Fällen allein im Jahr 1992. Wesentlich höher sind die Zahlen von Mißbräuchen seitens Sportlehrer und sonstigen Lehrkräften an den Schulen.

Aber auch sonstige Statistiken zeigen: Die Fälle sexuellen Mißbrauchs in der katholischen Kirche sind prozentual viel geringer, als die in anderen Organisationen, Berufsgruppen oder gesellschaftliche Gruppen.
Es ist also ein Phänomen, das die gesamte Gesellschaft betrifft.

Selbst der SPIEGEL hat dies einsehen müssen und die Alt68er zu Recht aufgefordert, ihre große Mitschuld an dieser Entwicklung einzugestehen. (siehe http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-71029982.html )

Leider irrt Stephanie zu Guttenberg auch in einem weiteren Punkt. „Natürlich ist es nicht per se bedenklich, wenn sich Jugendliche im Internet hin und wieder Pornos ansehen“, kann man unter Staunen auf Seite 136 nachlesen. Per se, verehrte Autorin, sind aber Pornos für alle, und insbesondere für Kinder und Jugendliche, schädlich. Die Bilder graben sich tief ein in die Seele und wirken verstörend und zerstören die Scham und die Unschuld der Kinder. Es wird nicht bei einem Mal bleiben, denn die Anziehungskraft ist zu groß. In den vielen Büchern von Christa Meves kann man das nachlesen.

„Während wir früher also verschämt Pornoheftchen in irgendwelchen Schränkchen bei irgendwelchen Eltern, Großeltern oder Bekannten ausfindig machten, gehen die Teenager von heute eben online“ so liest man weiter auf Seite 136. Nein, Stephanie zu Guttenberg hätte auch früher keine Pornohefte ausfindig machen dürfen, ebensowenig wie heute die Kinder nicht mit Pornos in Berührung kommen dürfen, was immer schwieriger wird zu kontrollieren.

Die Sexualisierung der Kinder und Jugendlichen ist eines der gravierendsten Themen, mit dem sich unsere Gesellschaft auseinander zu setzen hat. Diese Entwicklung begann vor über 40 Jahren und die Früchte sind erschreckend. Deshalb ist es so immens wichtig, dieses Problem von der Wurzel her zu analysieren. Wir müssen wieder über Moral sprechen. Wir müssen über Tugenden sprechen, die vergessen sind. Schon 1936 hat Wilhelm Reich über die Sexuelle Revolution geschrieben, mit Hilfe derer die bestehende bürgerlich kapitalistische Gesellschaftsstruktur zerstört werden muß. Die Sexualisierung der Kinder steht bei ihm an vorderster Stelle der Prioritäten.

Die einzige Institution, die hier ein Standardwerk zu bieten hat, ist die katholische Kirche. Die Sexualmoral der Kirche sorgt sich um die gesamte Natur des Menschen. Das erkennt derjenige, der sich wirklich mit ihr auseinander setzt.

Kommentare:

Chorleiter hat gesagt…

"Die einzige Institution, die hier ein Standardwerk zu bieten hat, ist die katholische Kirche. Die Sexualmoral der Kirche sorgt sich um die gesamte Natur des Menschen. Das erkennt derjenige, der sich wirklich mit ihr auseinander setzt."

Netter Versuch, sich selbst zu präsentieren.
Wer andere mit Kritik überzieht, muss damit auch selbst rechnen.

Schau dir den Karneval in Köln und Umgebung an, und du erkennst die Scheinmoral der katholischen Kirche.

Da helfen auch nicht die statistischen Beweihräucherungen.

Wie Erlebnisse, Bilder, Träume und Gedanken bei Kindern wirken, hängt viel mit der Hinwendung und gelebten Ehrlichkeit der Eltern, Verwandten, Umgebung und Artgenossen ab.

Gehen Sie bei Ihren Betrachtungen in erster Linie auf Ihre Denkweise, auf Ihr geistiges Umfeld ein. Ordnen und komentieren Sie es zur Verbesserung des Bestehenden.

Ich kann bei meinen Chören nichts erreichen, wenn ich ständig verlauten lasse: "Aber es gibt mehr Leute, die schlechter singen als ihr."

Ihre Verteidigung Ihrer Denkart durch, überwiegend, Anklage der Anderen ist ein eigenes Eingeständnis der Sache selbst. Und da sollten Sie anfangen zu suchen, zu ändern und - vor allem: zu bessern.
(Zur Statistik meine Sicht: Durchschnittlich ist der See 40 cm tief. Trotzdem ist die Kuh ertrunken.)

Anonym hat gesagt…

Als Sänger bin ich froh, den Vorkommentator nicht als Chorleiter zu haben!

Otto Kietzig hat gesagt…

Es kommt doch darauf an, dass es Menschen gibt, die sich überhaupt Gedanken und Sorgen um die Seele von Menschen machen. Die finde ich aber überwiegend nur in der Kirche, sofern es um aktiven Widerstand geht. Hier allein geht es um die Intaktheit des innersten Kerns eines Menschen.
Der einzige Vorwurf, den man der r.k. Kirche machen kann, ist, dass sie die Intaktheit der Kirche bisher über die Intaktheit der Seele des Einzelnen gestellt hat. Dafür hat sie jetzt harte Schläge bekommen, unter denen sie tapfer Buße tut. Wo aber können wir solche Buße bei denen erleben, aus deren geistiger Grundhaltung die Zertörung menschlicher Seelen überwiegend entstanden ist. 'Sexualmoral' ist ja in weiten Teilen unserer Gesellschaft immer noch ein Schmimpfwort! Bei den humanistischen Atheisten, bei den 68zigern, bei den Autonomen geht es doch immer nur um die individuelle Freiheit zum Zweck der Befriedigung und Entspannung aktuell anstehender Zwänge, Sehnsüchte und Begierden. Diese aber unter dem Mantel angeblicher Freiheit zur 'Erfüllung' kommen zu lassen, beraubt den Menschen eher seiner Menschlichkeit als dass er sie dadurch gewinnen könnte. Die 'Ernte' dieser Mentalität erleben wir jedenfalls gerade in der Porno-Verfallenheit weiter Teile unserer Gesellschaft.

Chorleiter hat gesagt…

Tja, als Chorleiter darf ich nicht einmal im Anasatz eine solche Meinung den Sängerinnen und Sängern gegenüber auch nur denken.
Und ich halte mich daran.
Das, und vieles weiteres, unterscheidet uns.
Ich akzeptiere das.
Wem es um die Sache geht, der sollte seine eigenen Grenzen nicht anderen vorschreiben wollen. Aber er sollte sich nicht von seinem Territorium vertreiben lassen.
Wem es nur um die Glorifizierung des eigenen Ichs und der eigenen Meinung geht, der sollte nicht für andere sprechen.
Wie sagte George Bernard Shaw:
"In dieser Welt gibt es immer genug Gefahren für die, die sich fürchten."
Singen ist das eine, seine Meinung vertreten das andere.
Man sollte sehen, das eine nicht mit dem anderen zu vermischen; oder gar abhängig voneinander machen.
Chorgesang fordert auch das Einordnen in die Sängerschaar, das akzeptieren einer Vorgabe und deren korrekte Umsetzung - und vom Leiter das Umsetzen des Wollens vieler (möglichst/fast aller) Persönlichkeiten.
Nun such dir deinen Stand der Dinge aus: Was willst du, was kannst du, was tust du, um die Gemeinschaft zu befördern.
Warum tust du das und wofür?
Ein Chorleiter, der nicht mit berechtigter Kritik oder Anfeindungen umgehen kann, wird nicht weit kommen.
Wenn etwas wenig hilfreich scheint, kann es auch an der eigenen Erkenntnis liegen, diese Meinung zu verarbeiten zu können; oder es ist nur eine Schelte, die anklagt, aber nicht hilft.
Sind Fronten verhärtet, wie es hier zu sehen ist, wudert mich weder das eine noch das andere.

Hauptsache, du singst, hast die richtige Chorgemeinschaft gefunden und kannst dadurch anderen Freude, Geselligkeit und Trost geben. Vielleicht aus etwas Hilfe im Leben... ?

Anonym hat gesagt…

„Haben wir nicht schon immer gewusst, dass gerade die Machtstrukturen der katholischen Kirche und deren teils weltfremde Sexualmoral den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch einzelne Täter erst begünstigen?“


Tja, liebe Frau zu Guttenberg, das würde doch im Umkehrschluß bedeuten, daß erlaubte und geforderte zügellose Sexualität (wir wir sie jetzt haben) und die Sexualisierung der Öffentlichkeit den Mißbrauch von Kindern eigentlich verhindern müßte.

Dann wäre doch ihr Buch überflüssig gewesen.

Das Gegenteil ist der Fall: Die von Ihnen kritisierte Sexualisierung der Öffentlichkeit reißt sämtliche Schranken ein, in allen gesellschaftlichen Schichten und Gruppen. Und damit leider auch innerhalb der katholischen Kirche - darin aber nur zu einem kleinen Teil. Da wird eine Maus zum Elefanten gemacht, aber das zu erkennen müßte man eben ein bißchen mehr Grips im Kopf haben als eine Frau, die sich in einem Mini-Rock mit übereinandergeschlagenen Beinen in die erste Bankreihe einer Kirche setzt beim Gedenken an die Toten der Love-Parade in Duisburg.

Anonym hat gesagt…

Bereits mein Markt-Neu-Arader Uronkel Dr. Lorenz Card. Schlauch von Linden (Ort bei Trier), lat. Bischof von Großwardein (Nagyvárad)hat an der Gründung der Christlich-demokratischen Parteien um die Jahrhundertwende 19/20. gezweifelt. Offenbar mit nicht wenig Recht, wenn man die oberflächlichen Ausführungen der CSU-Ministergattin, Freifrau zu Guttenberg analysiert.

Chorleiter hat gesagt…

Ach: Katholische Meinungsäußerungen sind tiefgreifender?
Warum tun sich Christen eine oder mehrere Parteien mit einem C an?
Klärt erst einmal die Frage, ob der Mensch ohne oder mit Religion auskommt, ohne oder mit politischem Zusammenschluß leben kann.
Wer seinen festen Platz im Leben gefunden hat, wer nicht nur sein eigenes Vorankommen befördern will, wer ganz normal auf dieser Erde wandeln will, sollte nie vergessen: Ein Mensch allein wird nichts fürs Leben sein, doch viele im Verbund, machen das Leben gesund.
Wie gesagt: Widersprüche haben wir, erkennen wir. Doch nur die daraus resultierenden Zusammenschlüsse bringen uns vorwärts, helfen uns im täglichen Leben.

H.Frank hat gesagt…

An "Anonym": Könnten Sie sich bitte bei mir melden ? h.frank.api@tmo.at. Grund: Kardinal Lorenz Schlauch von Linden !