Montag, 9. Oktober 2017

Werden Kinder zur Unselbständigkeit erzogen?

Christiane Jurczik

Das Kind ist König. Wenn sogenannte Helikopter-Eltern alles kontrollieren und jedes Problem von ihrem Kind fernhalten wollen ist das gut gemeint aber für die Entwicklung der Kinder ungünstig. Eltern kümmern sich dabei in einem übertriebenen Maß, als das für seine Selbstständigkeitsentwicklung gut ist", sagt Dr. Ingo Spitczok von Brisinski, Leiter des Fachbereichs Kinder- und Jugendpsychiatrie an der LVR-Klinik Viersen. Solche Eltern gab es zwar schon immer. Aber ihre Zahl nimmt zu. Deutlich wird das vor allem an den Schulen. So deutlich, dass der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, über das Phänomen ein Buch schrieb, das im Jahr 2013 erschien. Er unterscheidet darin drei Typen von Helikopter-Eltern: die Transport-Hubschrauber, die ihre Kinder überallhin chauffieren, die Rettungs-Hubschrauber, die schon bei einem vergessenen Pausenbrot sofort zur Hilfe eilen und die Kampf-Hubschrauber, die sich zum Beispiel bei schlechten Noten mit den Lehrern anlegen.

Der Anteil an Helikopter-Eltern beträgt je nach Region etwa 10 bis 20 Prozent, schätzt Kraus. Doch immerhin erziehen noch zwei Drittel der Eltern ganz bodenständig. "Und etwa ein Sechstel kümmert sich um überhaupt nichts", sagt er. "Das ist mit Sicherheit die problematischste Gruppe. Deren Kinder laufen Gefahr, durchs Bildungsraster zu fallen." Es gibt immer mehr Eltern, die sich entweder zu wenig kümmern – oder zu viel.

Vor den Schulen herrscht Verkehrschaos

Diese Art der „fürsorglichen Eltern“ ist heute für fast alle Schulen ein ernstes Problem. "Vor Schulbeginn herrscht Verkehrschaos, oft sind sämtliche Wege zugeparkt, manche Schulen richten sogar sogenannte “Kiss-and-Go-Zonen ein", sagt Kraus.

Während 1970 noch 91 Prozent der deutschen Erstklässler ihren Schulweg ohne Erwachsene schafften, waren es im Jahr 2000 nur noch 17 Prozent.

Laut einer Forsa-Umfrage wurden im Jahr 2012 rund 20 Prozent der Kinder mit dem Auto zur Schule gefahren. Tendenz steigend!

Dass dieses Verhalten keineswegs zur Sicherheit der Kinder beiträgt, zeigte eine Studie, die im Auftrag des ADAC durchgeführt wurde: Laut der Untersuchung kamen deutlich mehr Kinder im Auto ihrer Eltern zu Schaden, als solche, die zu Fuß unterwegs waren. Die Wissenschaftler machen dafür die Gefährdung durch das Verkehrschaos vor den Schulen mitverantwortlich. "Wenn Eltern alles kontrollieren wollen, denken sie meist nur an die Risiken, die in der nächsten halben Stunde drohen", sagt Kinderpsychiater Spitczok von Brisinski. "Langfristige Risiken haben sie oft nicht im Blick." Wenn ein Kind zum Beispiel nie klettert und balanciert, ist es motorisch nicht so fit und verletzt sich leichter. "Jeder Sportlehrer wird bestätigen, dass man heute von Kindern in Leichtathletik, Geräteturnen oder Ballspielen nicht mehr dasselbe erwarten kann wie vor 30 oder 40 Jahren", sagt Kraus.

Selbstständigkeit fördern

Experten raten deshalb zu mehr Selbstständigkeit. Zum Beispiel können Kinder, die einen normalen Schulweg ohne besondere Gefahrenstellen haben, diesen im Laufe des ersten Schuljahres schon alleine meistern, wenn er entsprechend eingeübt wurde. "Bei problematischen oder zu langen Strecken können die Eltern ihr Kind zumindest die letzten 100 oder 500 Meter alleine gehen lassen", sagt Spitczok von Brisinski. "Das Kind dauerhaft mit dem Auto von Tür zu Tür zu fahren, ist nicht sinnvoll."

Mit Informationen aus Baby und Familie

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