Dienstag, 4. August 2015

Resultat der Rechtschreibreform: Konfusion in Sprache und Schrift

Christiane Jurczik

„Zehn Jahre nach der offiziellen Einführung der Rechtschreibreform ist die Bilanz dieses obrigkeitlichen Gewaltaktes der Kultusbürokratie an der Sprache so ernüchternd wie eh und je.“ Mit diesem Satz beginnt ein Kommentar von Heike Schmoll in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung anlässlich des Jahrestags der fragwürdigen Vergewaltigung der Sprache durch einige besessene Linguisten. Geködert wurde die Allgemeinheit mit dem Versprechen, den Kindern damit das richtige Schreiben zu erleichtern – ein realitätsfernes Unterfangen. Was sich tatsächlich eingestellt hat, waren unterschiedliche Schreibweisen und Unsicherheit in der Handhabung der Retortenregeln. Die Zweifel wiederum führten zu einer Vernachlässigung des schulischen Rechtschreibunterrichts.

Die Rechtschreibreform hat ausgerechnet in einer Zeit, in der Gleichmacherei ohnehin auf allen Ebenen eingesetzt hat, zu einer sinnentstellenden Entdifferenzierung der Sprache geführt. Das gilt in besonderem Maße für die Getrennt- und Zusammenschreibung. Viele der feinen Unterschiede sind geradezu sprachlich und gedanklich planiert worden.

Heute scheint vielen Schreibern die Rechtschreibung am Allerwertesten vorbeizugehen, jeder schreibt frei Schnauze. Das ist wörtlich zu nehmen, denn auch in der Schule dürfen die Kinder in den ersten Schuljahren nach Gehör schreiben, wobei sich eigenwillige Wortmuster einschleifen, die dann bei vielen Kindern ein Leben lang für Rechtschreibirritationen sorgen.

Dazu deutliche Worte von Heike Schmoll: … die am Ende der Grundschulzeit nicht einmal die kulturellen Standardtechniken beherrschen. …sinnentstellende Entdifferenzierung der Sprache… überaus teuren und überflüssigen Reform… sichtbares Schreibchaos… pseudopädagogisch verbrämten Betrug… In den Schulen haben die mehrere Milliarden teure Rechtschreibreform die Fehlerquote nahezu verdoppelt…

Das Schreiben muss einer allgemeinen Norm folgen

Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die Lesbarkeit. Man muss es ständig wiederholen, denn es gerät immer wieder in Vergessenheit: Schrift ist zum Lesen da, das Schreiben ist nur die technische Seite, das Mittel zum Zweck! Und gerade deshalb muss Schreiben einer allgemeinen Norm folgen. Diese zu erlernen ist und bleibt mühsam. Rechtschreibung ist also nur das Vehikel, das die Lesbarkeit der Schrift ermöglicht, und kein peinigendes Selektionsinstrument von Eliten. So lange unser kulturelles und wirtschaftliches Gedeihen auf Schriftkultur basiert, wird die Vermittlung einer genormten Rechtschreibung an die kommenden Generationen unverzichtbar sein. Noch sind die fehlerhaften Texte junger Leute lesbar. Aber mit jeder Generation, welche die Schule verlässt, wird das Schreibchaos zunehmen, trotz technischer Hilfsmittel und Computerkorrekturprogramme. Davor könnte nur eine einheitliche Rechtschreibung bewahren.

Zitat einer Schülerin aus der 8. Klasse: „Mir doch egal weil Yolo und so“ (You only live once) wurde auch noch zum Jugendwort des Jahres 2012 gekürt… noch Fragen? Es gab/gibt immer eine Jugendsprache – leider wird aber in den Schulen keinen Wert mehr auf Deutsch in Schrift und Wort gelegt.

Kommentare:

Verleihnichts hat gesagt…

Ein weiterer Baustein zur Unterwerfung und Zerstörung der Deutschen und Ihrer Kultur. Wenn man den Menschen Ihre korrekte Sprache nimmt, hindert man sie am korrekten Denken.

Du lebst nur einmal, damit ist alles entschuldigt.

Helmut v. Brandis hat gesagt…

Bei mir hat es noch nie eine Zweifel gegeben, daß ich bei der richtigen Schreibweise bleibe. Ich habe auch noch ein Deutsches Universal Wörterbuch - Duden - aus dem Jahre 1989, das mir im Zweifelsfall immer weiterhilft. Ich lasse mir doch nicht meine Sprache durch irgendwelche Pseudopädagogen verhunzen, die nicht fähig sind die Rechtschreibung richtig zu handhaben. Das müssen nun die Schüler von heute und der vergangenen etwa 25 Jahre ausbaden.

Auch bei der Auswahl meiner Zeitung habe ich u. a. darauf geachtet, daß dort die korrekte Orthographie verwendet wird. Bei Büchern ist dies leider nur sehr selten möglich.

Konrad Kugler hat gesagt…

Duden hat sich selbst entwertet.

Das Ziel der Rechtschreibreform war, ebenso wie alle anderen "Reformen", darauf ausgerichtet, Abitur für alle zu erreichen. Dafür senkt man die Anforderungen so weit, daß bayerische Hauptschüler bei der Rechtschreibung mit Nordabiturienten gleichziehen.

Lehrer i.R. hat gesagt…

Wenn man als Lehrer fast 40 Jahre lang auch das Fach Deutsch unterrichtet hat, kann man in diesem Bereich gewiss aus eigener Erfahrung mitreden.
Jede Verminderung des Lernanspruches gegenüber Schülern hat dazu geführt, dass deren Muttersprach-Vermögen geschmälert wurde. Dazu gehört vor allem die Methode „Lesen lernen durch schreiben“. In Berlin z.B. dürfen die Grundschüler bis einschließlich 3. Schuljahr schreiben wie sie wollen, Hauptsache sie schreiben. Diese vielleicht sogar gut gemeinte Gelegenheit zur „Selbstdarstellung“ von Heranwachsenden mit Hilfe umfangreicher selbst verfasster Texte in selbst überlassener Rechtschreibung und andere „Erleichterungen“ beim Lernen haben dazu geführt, dass die Berliner Grundschüler am Ende des 4. Schuljahres weder richtig rechnen, schreiben oder lesen können - absolute Schlusslichter der Republik! In Bremen ist es ähnlich mies - dort regiert rot bzw. rot-grün schon seit über 60 Jahren! Und gerade deren Methoden-Ideologie fährt die Lernqualität schon lange vor die Wand!
Lesen lernen durch eigenes Schreiben ist geradezu ein absurder Ansatz, denn jeder kann seine selbst erdachte „Rechtschreibung“ wohl lesen, doch das des Bank-Nachbarn vielleicht schon nicht mehr, geschweige denn gedruckte Literatur ohne belastende Anstrengung. Umgekehrt muss es sein, so wie es früher flächendeckend war: Schreiben lernen durch lesen - korrekt und anspruchsvoll Geschriebenes fördert das Bewusstsein für Sprachqualität, richtig Geschriebenes mit eigenen Augen zu sehen fördert die Fähigkeit zum korrekten Schreiben!

Man könnte noch viele weitere Beispiele anfügen, doch das gegebene halte ich für besonders wichtig.

Anonym hat gesagt…

Warum diese negative Einstellung zur Rechtschreibreform. Gerade in einigen Punkte war diese sehr logisch, etwa beim "dass", "muss" oder der Schifffahrt, denn es gibt kein Schif und die Unterscheidung zur Schiff-art ist gegeben. Wer von Ihnen hat schon mal etwas vion Friedrich von Schiller in der Nationalausgabe gelesen? Er hatte in einer sehr eigenwilligen Rechtschreibung geschrieben. So lange einigermaßen viel geschriben wird, kann man sich das mit der Rechtschreibung merken, man muss nur offen sein für das nicht ganz so neue mehr.

Franz Mielach hat gesagt…

Ist doch irgendwie komisch. Nach meinem Wissensstand ist die deutsche Rechtschreibung, die einzige auf der Welt wo 3 gleiche Buchstaben hintereinander vorkommen. Heben wir uns da von den anderen ab, oder macht das Sinn?

Ulrich hat gesagt…

Dieser Blödsinn gehört rückgängig gemacht! Die neue Rechtschreibung entstellt oft den Sinn, so z.B. "Er ist wohl erzogen." und "Er ist wohlerzogen." (frühere Schreibung). Für wie blöd hält man das einstige Kulturvolk der Deutschen? Als Gymnasiallehrer stelle ich keine Verbessung der Rechtschreibkenntnisse bei den Schülern fest, im Gegenteil. Selbst ich muss jetzt öfter im Duden nachschauen, weil ich durch die neue Rechtschreibung verunsichert und verwirrt bin. Ob das nicht gewollt ist? Deshalb bin ich für die Wiedereinführung der alten Rechtschreibregeln!