Montag, 24. März 2014

Kontrollverlust über die Nutzung des Internets

Für immer mehr Menschen ist die virtuelle Welt eine Flucht vor dem Alltag, die für viele zur Sucht wird. Die reale Welt mit Familie, Freunden, Schule oder Arbeitsplatz rückt zusehends in den Hintergrund.
Die Augsburger Stadtzeitung sprach darüber mit Dr. Silvia Kratzer, Diplompsychologin am Bezirkskrankenhaus Augsburg. Sie ist Expertin für pathologische Internetnutzung und kümmert sich um Menschen, die internetsüchtig sind.

Auf die Frage, ob Internetsucht unter Jugendlichen zunimmt, stimmt Kratzer zu. Alle Beratungsstellen in Augsburg berichten von steigender Nachfrage. Dem Forschungsprojekt Pinta von 2011 zufolge sind 2,4 Prozent der 14- bis 24-Jährigen betroffen, beziehungsweise 1 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Dunkelziffer lege wohl deutlich höher.

“In der Regel melden sich die Eltern, wenn sie festgestellt haben, dass ihr minderjähriges Kind seine gesamte Freizeit vor dem PC verbringt und negativ auffällig geworden ist. Es sind aber auch Jugendliche, die ihren Schulabschluss verweigern oder den Ausbildungsplatz verlieren. Manche konsumieren Drogen beim spielen am PC. Betroffene und Angehörige kommen meist von alleine“, sagt Katzer.

Die Diplompsychologin berichtet weiter über junge Menschen, die für zwei bis drei Jahre im Speicher ihres Elternhauses verschwinden, die sich immer weiter von der realen Welt distanzieren und ihre Pflichten vernachlässigen, die irgendwann weniger spielen möchten, es aber nicht mehr schaffen. Sie können nicht aufhören online zu gehen. Die Betroffenen können nicht mehr mit anderen Leuten umgehen, sind nicht kontaktfähig, wissen nicht, wie man Stress bewältigt. Betroffene sind oft übergewichtig durch Bewegungsmangel und Fastfood oder viel zu dünn, weil sie gar nicht mehr essen. Und das Mütter nach einem Streit Hilfe suchen, bei dem ihr Kind körperliche Gewalt gegen sie ausgeübt hat.

Betroffene kommen aus allen sozialen Schichten. Überwiegend junge Männer im Alter bis 27 Jahre fallen negativ auf. Auch soziale Netzwerke spiele eine große Rolle und lässt die Zahl der bertoffenen Mädchen ansteigen. Aus Beobachtungen von Lehrern und Beratungsstellen werden die Noten der Mädchen schlechter, weil sie zu viel Input durch soziale Netzwerke bekommen. Sie sind auch nachts online und deswegen am nächsten Tag übernächtigt und unkonzentriert, fühlen sich gestresst und dünnhäutig. Ein normales Gespräch ist nicht mehr möglich. “Manche Mutter kann nur noch mit ihrem Kind kommunizieren, indem sie ihm eine Whatsapp-Nachricht schreibt“, sagt Katzer.

Katzer erklärt, dass sie in Augsburg und Schwaben über ein sehr gutes Netzwerk verfügen um Hilfe anzubieten. Minderjährige werden von Psychotherapeuten betreut. Weiter Anlaufstellen und Gruppenberatung stehen zur Verfügung. Ebenso die Uni mit dem Verein GamePäd, der sogar Hausbesuche macht. Die Bezirkskliniken stehen für schwerere Fälle bereit.

Der Rat an die Eltern: “Klare Regeln aufstellen und diese auch vorzuleben. Zum Beispiel kann ein Vater nicht von seiner Tochter verlangen, am Frühstückstisch, das Handy wegzulegen, wenn er selbst ständig auf seinem Tablet herum surft. Hilfreich wäre, einen PC-Standort für alle Familienmitglieder. Handys sollten nachts ausgeschaltet in einer Schublade aufbewahrt werden“.


Kommentare:

Old Geezer hat gesagt…

"Die reale Welt mit Familie, Freunden, Schule oder Arbeitsplatz rückt zusehends in den Hintergrund."

Warum fragt sich eigentlich so selten jemand, was mit dieser 'Realität' im Argen liegt, wenn immer wieder Menschen eine 'Virtualität' ihr vorziehen?

Aus der Nutzung eines neuen Angebotes bei steigenden Popularität des Themas direkt auf ein tatsächliches Anwachsen des Problems zu schließen, ist schon leichtfertig.
Zumal im Vergleichszeitraum auch die Nutzungsmöglichkeiten und die Verfügbarkeit des Internetz gestiegen ist.

Oha, Jugendliche, die Ihre Pflichten vernachlässigen?
Unvorstellbar, da muß etwas ganz bedrohliches im Gange sein!

AUFWACHEN!
Genau diese Klage hallt durch die Geschichte von Bibelversen über Römische Senatoren bis hin zu unseren Großeltern, die so über unsere Eltern geklagt haben.

" Aus Beobachtungen von Lehrern und Beratungsstellen werden die Noten der Mädchen schlechter, weil sie zu viel Input durch soziale Netzwerke bekommen."

Auch hier wieder:
In diesem Zeitraum werden diese Jugendliche auch älter und selbstständiger, sie entdecken neue Interessen und folgen elterlichen Vorschriften weniger;
...selbstverständlich schwanken dann schulische Leistungen.
Das muß aber nichts mit dem Internet zu tun haben, das war bei uns genauso, und auch unseren Eltern und bestimmt auch unseren Großeltern - wir können nur deren Eltern nicht mehr fragen.
(Ausnahmen wie die Generation, deren Jugend in einen Krieg fällt, mal außen vor - und die hätten das bestimmt ebenso gerne gegen normale Probleme des Heranwachsens getauscht wie deren Eltern).

"PC-Standort für alle Familienmitglieder."

Hmmm, die Idee hätte was - dann kann man dann einen Zockerraum für alle einrichten (analog zum klassischen Partykeller), in dme man dann gemeinsam als Familie spielen kann ...
...ist aber unpraktisch, wenn man denn densleben REhcner zum Arbeiten benutzen möchte, un jemand anderer in dem Raum gerade online mit Teamspeak am Schaffen ist - wie soll man sich da konzentrieren?`
Und zusätzlich noch je eine Terminal bereitzuhalten, um sich dann remote zu verbinden?
das wird dann doch etwas aufwändig; zumal man ja die normale technisch Lösung hat, die Rechner in den Zimmern zu lassen und sich nur virtuell zusammenzusetzen, wie man es mit den andere Mitspielern auch tut.

Lehrer i.R. hat gesagt…

Old Geezer, auch Sie sind meilenweit von der Realität entfernt, zumindest lassen das Ihre Statements vermuten.

Bei Ihnen wird jegliche gesellschaftliche Fehlentwicklung verharmlost, in Ihrer aktuellen Einlassung zumindest im Zusammenhang mit der Entwicklung Jugendlicher.
Was Sie da schreiben, geht meilenweit an den psychologischen Erfahrungswerten vorbei! Dagegen sind die Gesichtspunkte des von Ihnen kritisierten Artikels allesamt zutreffend!

Natürlich entwickeln sich Heranwachsende, normalerweise bis in eine konstruktive Selbständigkeit hinein. Diese wird aber leider von immer weniger Jugendlichen erreicht, denn die zunehmende erzieherische Masche, den „Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen“ entgegen zu kommen, auch in den Bildungs-Methoden, hat einen maßgeblichen Anteil an jener Fehlentwicklung, Stichwort „Spaßgesellschaft“.

Dass bestimmte Bildungs-Ideologen Heranwachsenden nicht mehr „zumuten“ wollen, auch Tätigkeiten durchstehen zu müssen, die sie eigentlich nicht so lustbetont begrüßen, ist ein wesentlicher Faktor der zeitgenössischen Fehlentwicklungen. Ohne anleitende Erziehung verfallen Kinder und Jugendliche sehr schnell in eine selbstbestimmte Welt, deren Horizont viel zu klein ist, als dass er für eine sinnvolle Lebensgestaltung ausreichen könnte!

„Spaßgesellschaft“ ist nicht die Ausrichtung, die zum Nutzen der Menschheit gereicht, denn vieles, was aus einem Verhalten nach dem Lustprinzip entsteht, ist eben die Entwicklung zum „Versingeln“ und damit zur Gesellschaftsunfähigkeit, weil dies aus dem puren Triebverhalten des Menschen entspringt, wenn er keine Alternativen trainieren kann! Und das führt ihn meistens in eine völlig beschränkte Lebensumgebung, nämlich die selbst verordnete Einsamkeit, obwohl er die ja gar nicht will, wenn er im Internet twittert. Doch damit vermeidet er den lebendigen Umgang mit Menschen aus Fleisch und Blut im direkten Gespräch, ohne den Umweg über elektronische „Hilfsmittel“. Er kann Verbindung mit der ganzen (virtuellen) Welt haben und ist dabei doch grotten-einsam!

Was soll mit solch verarmten Kreaturen geschehen, wer soll sie durchs Leben mitschleifen? Denn physisch unterliegen sie doch allemal der Notdurft von Essen und Trinken - alles andere verschaffen sie sich ja selbst - oder gerade doch nicht, sie bilden es sich nur ein und verarmen seelisch auf der alleruntersten Ebene.

Welch erbärmliches Dasein! Und Sie, Old Geezer, haben davon wirklich noch nichts bemerkt? In welcher Welt leben Sie eigentlich?

Old Geezer hat gesagt…

@Lehrer i.R.:

Nicht jede - nur die, die ein hypothetisches Symtom wie "Internetsucht" zum Thema hat, welches weder diagnostisch abgesichert noch statistisch nachgewiesen ist.
Ich gestehe gerne die problematischen Auswirkungen des aktuellen Arbeitslebens auf die Jugend ein, oder die der oft verspäteten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Selbstständigkeit ein.

Ich übernehme lediglich keine tradierte Definition von "Erwachsen sein" einfach so in die aktuelle Lage.
Wenn wir heute in der beneidenswerten Lage sind, neben dem nackten Überleben auch die Lebensfreude und Befindlichkeiten von Jugendlichen in Betracht ziehen zu können, sollten wir das auch nutzen und nicht ablehnen.

Es ist nichts per se schlechtes an einer "Spaßgesellschaft" - ich ziehe diese jederzeit der militaristischen/autokratischen Gesellschaft meiner Großeltern oder der faschistischen meiner Eltern vor, und ich möchte auch nicht, daß meine Kinder in einem Obrigkeitssystem aufwachsen, in dem Ihnen Ihr Leben via Mikromanagement vorgeschrieben wird.

"auch Tätigkeiten durchstehen zu müssen, die sie eigentlich nicht so lustbetont begrüßen, ist ein wesentlicher Faktor der zeitgenössischen Fehlentwicklungen"

Also meinen Erfahrungen nach ist das heute wie vor 50 Jahren noch so, daß eine Mengen Dinge von Kindern gefordert werden, ohne daß diese deren Notwendigkeit einsehen oder sie gerne machen.
Zudem ist in weiten Teilen des Lebens dieses "Durchstehen" auch keine erstrebenswerte Leistung mehr - Hire & Fire und lebenslanges Umlernen sowie Flexibilität sind Anforderungen des Arbeitslebens; was nutzt es dem Kind einen "Wert" einzudrillen, den weder seine Kollegen noch seine Vorgesetzten "wertschätzen" oder gar selber leben?

Wieso sollte der Horizont bei fremdbestimmten Hinführen auf einen geplanten Nutzen denn größer sein?
Ich habe noch wenige Kinder kennengelernt, die keine natürlich Neugier gezeigt und nicht bereits gewesen wären, auch mal zu neuen Ufern aufzubrechen.
Im Gegenteil, meist sind es die Eltern, die den Status Quo erhalten wollen und vor zu großen Sprüngen in der Lebensplanung warnen.

Ich sehe als Anmaßend an, ein Kind von vorneherein als Subjekt eines gesellschaftlichen Nutzens zu betrachten.
Solange es mit etwas Vorausschau, Vernunft und Bodenständigkeit agiert, wünsche ich meinen Kindern durchaus maximalen SPASS und LUST am Leben; ...sie haben nur das eine und sie sollen soviel wie möglich daraus machen, und zwar für sich, nicht für eine abstrakte 'Gesellschaft'.
(Und dabei bin ich mir sicher, daß sie mehr für die Gesellschaft tun werden, als so mancher Vorzeigebürger wie Hoeneß, Schuhmacher oder Meissner.

Im übrigen ist der Mensch durchaus vernunftbegabt, denk-, lern- und einsichtsfähig und keine hilfloses Opfer seiner Triebe, auch wenn er diese nicht zwanghaft unterdrückt; ...wobei triebhaftes Verhalten in Bildung und Beruf eh wenig Platz hat, weil diese dafür mittlerweile viel zu abstrakt geworden sind, um für unser Reptilienhirn große Angriffsfläche zu bieten.

Old Geezer hat gesagt…

@Lehrer i.R.:

Einsamkeit ist i.d.R. keine eigene Wahl, sondern eine Folge der Anforderungen des Arbeitslebens.
Und nur weil jemand Single ist, muß er nicht einsam sein.
(Ich schätze es verhält sich eher umgekehrt.)
Und nur weil jemand twittert oder Chatted, bedeutet das nicht, daß er keine Freunde hat, sondern nur, daß diese nicht nebenan wohnen.
Da wird auch nichts vermieden - nur wenn man vom Boss für Monate nach München geschickt wird aber in Dortmund lebt, möchte man ja trotzdem mit dem Soziotop in Kontakt bleiben.
Zudem ist das nichts reduziert oder vereinsamt, denn außer beim Sex oder einer Schlägerei werden die wenigstens Menschen das 'Fleisch und Blut' des Gegenübers benötigen.

In meiner Welt 'verarmen' diese Menschen halt nicht, weil sie unterschiedlich 'soziale Betriebsmodi ' haben; sie sind einfach besser an die aktuellen Lebensumstände angepaßt und können soziale Kontakte auch aus der Ferne aufrechterhalten; sie habe nach wie vor die natürlichen Bedürfnisse jenseits Essen und Trinken, nur disponieren sie sie geschickter.

Eigentlich haben sie es dadurch viel leichter als ihre Vorfahren, die auf Montage, zur See, am Bau, als Wander- oder Feldarbeiter oder gar im Krieg auch Wochen, Monate und Jahre von Familie und Freunden getrennt waren, ohne auf elektronischem Wege Kontakt halten zu können.
Und halten Sie ein Frontbordell wirklich für besser als Cybersex?
Entspricht "eine Braut in jedem Hafen" tatsächlich Ihrer konservativen Moral?