Dienstag, 13. August 2013

Mit begrenztem Horizont und engem Herz/Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier beklagt die zunehmende Verdummung der heranwachsenden Generation

Der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier beklagt die zunehmende Verdummung der heranwachsenden Generation. Schuld sei ein Bildungssystem, in dem nur nach ökonomischen Aspekten unterrichtet werde.

Der 53-Jährige Autor und Mitbegründer des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien, kritisiert in seinem Buch „"Performer, Styler, Egoisten: Über eine Jugend, der die Alten die Ideale abgewöhnt haben", die systematische Verdummung der Jugend, die in eine unmenschliche Leistungsgesellschaft gedrängt werden.

In einem Interview benennt er Hintergründe zu Bildungsstand und Sozialkompetenzen unserer Jugend: „Sie ist auf dem besten Weg in die absolute Verblödung geführt zu werden. Wenn unser Erziehungs- und Bildungssystem nur noch nach ökonomischen Gesichtspunkten von OECD und Pisa funktionieren muss, rechne ich den Jugendlichen keine guten Chancen aus.“

Bei der Zusammensetzung der Bildungsinhalte zählt nur noch die wirtschaftliche Logik. Die Lehrinhalte werden danach ausgewählt, was später auf dem Arbeitsmarkt auf jeden Fall verwertbar ist. Seit Jahren findet in den Schulen eine Verlagerung zugunsten naturwissenschaftlicher und betriebswirtschaftlicher Inhalte statt. Unterrichtsstunden in Musik, Literatur und Kunst werden gekürzt, weil diese Fächer keinen ökonomischen Hintergrund beinhalten.

Alternative Schulformen, wie zum Beispiel Waldorfschulen sind eine Flucht der gut gebildeten Mittelschicht, die Wert auf eine umfassende, kulturelle Bildung legen. Doch diese Alternativen zu staatlichen Bildungssystemen kann sich eine vierköpfige Familie aus Berlin-Marzahn nicht leisten, also helfe sie nur den Reichen.

Zu dem technischen und arbeitsmarktorientiertem Wissen sollte auch kulturelle Bildung an den Schulen gelehrt werden. Der Verzicht auf kulturelle Bildung wird unsere demokratische Grundordnung über kurz oder lang gefährden. Es fehle der Nachfolgegeneration an politischer Urteilsfähigkeit.

Ebenso nimmt die Wirtschaft immer mehr Einfluss darauf, was an den Hochschulen in der Lehre und Forschung stattfindet, obwohl viele junge Menschen das Bedürfnis nach humanistischer Bildung haben. Heutzutage stehen Jugendliche durch die vielen Wahlmöglichkeiten unter einem permanenten Entscheidungsdruck. Viele von ihnen sagen: „Die Welt ist zu komplex, wir hätten es gerne wieder etwas einfacher.“

Wo früher die Orientierung an Traditionen Sicherheit gab, herrscht heute Beliebigkeit und Unübersichtlichkeit. Anstelle von sozialen und beruflichen Kompetenzen ist vielfach die Selbstvermarktungsfähigkeit getreten. Das Produkt, das die Jugend primär verkauft, sind sie selbst.


Letztlich geht es um Erfolg, Image und Konsum. Wichtiger als, wie ich mich fühle, ist, wie die anderen mich sehen. Wie sehe ich aus? Welche Statussymbole habe ich? Dieses Verhalten lernen Kinder und Jugendliche schon sehr früh, und sie lernen auch, sich selbst gut zu verkaufen. Die neuen Medien verstärken dieses Bedürfnis nach Selbstdarstellung und Selbstvermarktung nur noch. Aber notwendig glücklich wird man nicht, wenn man tagtäglich eine Rolle spielt, mit der das eigene Selbst wenig bis nichts zu tun hat.

Die Autoren der letzten Sinus-Jugendstudie haben aber auch festgestellt, dass sich Jugendliche in Deutschland eine eigene Familie wünschen, aber es schwierig finden, den richtigen Zeitpunkt für die Familienplanung zu erwischen.

Die Familie stellt den letzten geschützten Rückzugsraum in dieser Gesellschaft dar, ein nach außen abgeschlossenes System, in dem sich der Mensch aufgehoben fühlen kann. Je unwirklicher die Welt da draußen ist, desto wichtiger werden die kleinen Lebenswelten. Insofern ist die Suche nach Geborgenheit fast eine Art Reflex auf die wachsende Unsicherheit in unserer Gesellschaft.

Fazit: Wir müssen wegkommen von einer Lebenshaltung, in der es nur um materielle Güter geht, und von einer Bildungspolitik, die nur den Interessen der Wirtschaft dient. Wir brauchen eine neue Bewegung aus der Zivilgesellschaft heraus, wenn humanistische Werte in unserem Bildungssystem wieder eine Rolle spielen sollen.

Kommentare:

WÄCHTER hat gesagt…

Ein sehr guter umfassender Artikel.
Die geforderte Wende wird nicht stattfinden, angesichts von Flüchlingsströmen, Massen von arabischen Asylsuchenden u.ä.. Der durch Kinderkrippe und Kindergarten und eben ein krankhaftes Schulsystem seines Fähigkeit zu Urvertrauen sowie einer Vorstellung von Familie beraubten Jugendliche, wird sich immer weniger nach Familie sehnen, sondern nach widerspruchsfreien materiellen Dingen, mit denen nicht diskutiert werden muss und einer Wohnung, in die man sich ALLEIN zurückzieht, denn das Vorbild der Scheidungseltern hat ihn gelehrt, dass Beziehung eine Gefahr darstellt

Grandloser hat gesagt…

Jaja die bösen Ausländer sind Schuld, die üblichste Erklärung der Welt. Viele würden gerne eine Familie gründen sind aber gut ausgebildet und arbeitslos, siehe Spanien. Daher ist die hier postulierte Kritik zu kurz und geht an der Wirklichkeit vorbei, denn wie soll ich eine Familie Gründen wenn ich kein Geld oder die Materiellen Grundlagen dafür fehlen, Beziehungswiese die Arbeit dafür? Siehe wieder Spanien oder alle Krisenländer aus denen die jungen Menschen fliehen weil Sie schlecht bezahlt werden oder gar keine Arbeit finden können.

Von daher nur wieder der versuch überkommene Traditionen schön zu reden und deren Modernisierung zu verhindern.

Pauker hat gesagt…

Die Ursache vieler Entwicklungen ist der Rückzug von Elternhäuser aus der Bildung und Erziehung. Die Themen der Einrichtungen von staatlicher Bildung und Erziehung ist ein Ausgangspunkt für alle. Die Weiterführung ist nicht gegeben,
Die Unterschiede der Ansichten lassen sich schon in der gespaltenen Hoheit von Staat und Land bei der Aufgabenstellung nachweisen.
Keine Lebensgruppe ist so recht an einem universellen Bildungs- und Erziehungsziel interessiert. Die Lebensanschauungen von uns und den Migranten werden immer vorgeschoben und hochgepäppelt.
Der Weg zum wirtschaftlichen und geistigen Leben wird unterdrückt und verzerrt.
Der angeführte Ausgangstext ist auch dafür ein Achtungszeichen. Er greift einfach etwas raus ohne das Ziel von Bildung und Erziehung in den Mittelpunkt zu stellen.
Woher kommt die schlechte Lernhaltung von Schülern? Woher kommt ihr penetrantes Auftreten?
Weil es schon in seinen Anfängen nicht ordentlich und gemeinschaftlich gerichtet wird.
Und da sind wir alle gefordert. Und überfordert.
Ein einiges Verhalten von Elternhaus und Schule, ohne dem sofortigen Schrei nach Rechtsanwalt und einem Gott oder sonstwen zur Durchsetzung vom Ich der Eltern wäre hier der Anfang.
Im Mittelpunkt steht der Mensch. Ob ausgebildet oder zu bilden.
Würde nicht größtenteils die Entwicklung nur im eigenen Wohlstand enden oder das gehätschelte Ego Ziel sein, würde mehr das Wir der Gemeinschaft und jeder einzelne Mensch darin als Aufgabe stehen, kämen wir nicht in eine Schieflage.
Da sollte jede betroffene Seite etwas geben für alle und auch nehmen für sich.
Das nehmen für sich auf Kosten der anderen haben diese schon schön begriffen.
Ich würde auch bei diesem Forscher das Herz bei der eigenen Forschung und nicht beim Forschungsobjekt sehen.
Ich habe mehr Zeit für meine Umgebung. Und die werde ich für Verbesserungen nutzen. Ist es auch nur im kleinen Kreis.
Om. Om. Om.
Für mich beginne ich schon wieder.

Old Geezer hat gesagt…

Es ist immer schon ein vorprogrammierter Fehlschlag gewesen, wenn man versucht hat, die Bildung / Anforderungen an die kommenden Generation mit den Maßstäben der vergangenen zu messen.
"Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie ein Windhund" sind heutzutage im Berufsleben vielleicht nicht völlig wertlos, aber doch lange kein zentraler Qualifikationsaspekt mehr.

Wo sieht er in PISA (Lese- und Textverständiskompetenz, etc.) bloß eine Fixierung auf Ökonomie?

"...rechne ich den Jugendlichen keine guten Chancen aus.“"

Chancen worauf?
Reichtum, Glück, Selbstbestimmung, Kindersegen, Ruhm?
Er kann sich ja nicht einmal selbst klar äußern, worauf er seine Untersuchung hin ausrichtet.

"Die Lehrinhalte werden danach ausgewählt, was später auf dem Arbeitsmarkt auf jeden Fall verwertbar ist."

Wohl kaum!
Mit Fächern wie Religion, Sport, Musik, Kunst, Geschichte und Sozialkunde ist vieles dabei, was nur wenigen zur Berufsfindung dient.
Zudem findet in kaum einem Fach der Unterricht auf einem professionellen Niveau statt, sondern immer nur auf einfachem Allgemeinwissen und mit dem Ziel des 'Hineinschnupperns'.
Wie erklärt er sich den Widerspruch?

Waldorfschulen nehmen AFAIK Gebühren proportional zum Einkommen und bevorzugen sogar Geschwister.

Kürzungen zuungunsten von musischen Fächern geschehen doch als Reaktion auf Forderungen der Eltern noch einem berufsorientierteren Unterricht.

"„Die Welt ist zu komplex, wir hätten es gerne wieder etwas einfacher.“

Tja, die Realität orientiert sich nicht an unsrem Wunschdenken.
Es ist allemal besser, sie merken das während der Schulzeit oder des Studiums, als später, wenn sie Familie, Kinder und eine verantwortungsvollen Posten haben.

Niemand verbietet Ihnen, ala Prinzessin aus Taka-Tuka-Land zu leben,oder doch wenigstens wie Peter Lustig.

" Je unwirklicher die Welt da draußen ist, desto wichtiger werden die kleinen Lebenswelten."

Anders ausgedrückt: Kopf in den Sand stecken.

Aber was bitte ist an der Welt da draußen 'unwirklich'?
Ist das wieder diese obskure Philosophie, daß nur wirklich sein kann, was ich verstehe oder mir gefällt?

Ihrem Fazit kann ich allerdings nur zustimmen, auch wenn ich mit nicht sicher bin, oder der Term "Zivilgesellschaft" hier angemessen ist.

Silke Rothstein hat gesagt…

Provinzbeobachtungen:
Bei uns auf dem Gymnasium haben sie ein Girli Camp eingerichtet. Eine unfähige Schulleiterin unterdrückt fähige Lehrer z.B. einen Doktor der Geschichte, und versucht zusammen mit ihr hörigen Lehrerinnen jegliche Kritik auszuschalten. Die neue Schule der Verantwortung vor Ort funktioniert nur mit kompetenten Schulleitern. Das Lesen-durch- Schreiben Programm in der Grundschule hat nicht funktioniert. Alles vorprogrammiert und einen Gedichtkanon, wie ihn Ulla Hahn schon lange fordert, wird es im Deutschland der Selbstzerfleischer nicht mehr geben.Ein Mathegenie hat zeitweilig als Lehrer unser Gymnasium zu einem Ort von ständig interessierten Kindern gemacht.Wundersamerweise entwickeln sich manche Kinder durch Eigeninteresse und durch nur kleine Anregungen von außen.