Montag, 22. April 2013

Schweiz: Mehr Suizide wegen Sterbehilfe

Die Suizidrate im Kanton Bern ist gestiegen. Ein Grund: In der Schweiz breite sich die Suizidhilfe aus, sagt Suizidforscher Thomas Reisch.

Im letzten Jahr haben sich im Kanton Bern 251 Menschen das Leben genommen – 63 mehr als 2011. Das entspricht einem Anstieg um über einen Drittel, wie die Kriminalstatistik der Kantonspolizei zeigt. Diese Entwicklung ist vor allem der Sterbehilfe und dem «Überfahrenlassen» zuzuschreiben, also dem Suizid durch den Sprung vor einen Zug. «Die anderen Zahlen liegen im normalen Schwankungsbereich», sagt Thomas Reisch, Suizidforscher und leitender Arzt am Psychiatriezentrum Münsingen.

2011 machte der Tod via Sterbehilfe 25 Prozent aller Suizide aus, 2012 waren es bereits 40 Prozent. Sterbehilfeorganisationen würden immer präsenter, weshalb sie in der Bevölkerung und insbesondere bei älteren Menschen an Akzeptanz gewinnen würden, so Reisch. Daher sinke die Hemmschwelle, «sich beim Sterben helfen zu lassen».

In Fällen von «todbringenden Krebsleiden» könne er verstehen, so Reisch, dass man auf diese Methode zurückgreife. «Es gibt aber einen sehr grossen Anteil, wo mit Hilfe viel hätte erreicht werden können.» Dass in Bern die Zahlen steigen, habe auch damit zu tun, dass sich die Sterbehilfe in der ganzen Schweiz ausbreite, während die Organisationen Dignitas und Exit zuvor vor allem in Zürich agierten.

Unfreiwillige Zeugen

Jeder Suizid hinterlässt Angehörige in Ohnmacht und Trauer. Und er hinterlässt meist auch Menschen, die unfreiwillig Zeuge werden – Lokomotivführer etwa. Die Zahl der Suizide durch «Überfahrenlassen» ist im Vergleich zum Vorjahr und anderen Methoden am deutlichsten gestiegen. «Das liegt im nationalen Trend», sagt Reisch. Das könne damit zusammenhängen, dass die Fälle oft publik würden, nicht nur durch Medien: «Auch Menschen an den Bahnhöfen oder in stillstehenden Zügen diskutieren darüber.»

Beunruhigend sei, dass vor allem junge Männer und Frauen diese Methode verwendeten. Weshalb dem so ist, kann Reisch nicht erklären. Er bezeichnet die Entwicklung aber als problematisch. Es könnten weitaus mehr Suizide verhindert werden, «wenn früh genug mit Angehörigen gesprochen oder der Notfall oder der Hausarzt aufgesucht würde», sagt Reisch.

«Menschen, die sich das Leben nehmen, sind in den meisten Fällen psychisch krank und leiden am häufigsten an Depressionen», sagt er und bemängelt, dass für psychiatrische Hilfe zu wenig Geld zur Verfügung stehe. «Von allen, die durch Suizid sterben, haben 95 Prozent eine psychiatrische Diagnose.» Deshalb sei etwa die Betreuung in den ersten zwei Wochen nach einem Klinikaufenthalt besonders wichtig, die Ressourcen dafür aber nur beschränkt vorhanden. «Da werden durch Sparmassnahmen einige Suizide nicht verhindert.» 

Quelle: Der Bund vom 26. März 2013

Kommentare:

Old Geezer hat gesagt…

Logischerweise!
Schließlich dient die Sterbehilfe ja nicht dazu, Freitode zu verhindern, sondern sie für die Menschen, die sich für sich wünschen, weniger qualvoll und evtl. auch mit weiniger Kollateralschaden (rechtlicher, psychischer und praktischer Art für die Umwelt) umzusetzen.

"In Fällen von «todbringenden Krebsleiden» könne er verstehen"

Anmaßend!
Es ist IRRELEVANT, was ER verstehen kann, ER ist nicht in der Lage der Menschen, die diese Entscheidung für sich fällen.
Wenn diesen Menschen ihr aktuelles und prognostiziertes weitere LEben unerträglich (oder schlicht nicht lebenswert) erschient, so ist das DRENEN Sache, denn nur SIE SELBST müssen es leben, nicht irgendein Moralapostel.

«Es gibt aber einen sehr grossen Anteil, wo mit Hilfe viel hätte erreicht werden können.»

Für IHM mag es 'viel erreicht' sein, nach qualvoller Chemo als teilamputierter Pflegefall noch Jahre dahinzusiechen; oder unter starken Opiaten mit Hilfe eines Sack voll Zusatzmedis weiterzuleben, oder alleine in irgendeinem Bett auf einen Tag zu hoffen, an dem einem Lähmungen und Spasmen wenigstens erlauben, aus eigener Kraft das Bett zu verlassen - aber ANDEREN Menschen reicht das vielleicht nicht, und er hat DIESEN FREMDEN Menschen NICHT vorzuschreiben, wie sie ihr Leben zu führen haben oder eben nicht.

"Das könne damit zusammenhängen, dass die Fälle oft publik würden,"

Was für ein Hirnriss!!!
Wie wäre es mit der einfachen Erklärung, daß es eine der wenigen, sicheren Methoden ist, die jeder mit etwas Restbeweglichkeit noch ohne fremde Hilfe hinbekommen kann?

"Jeder Suizid hinterlässt Angehörige in Ohnmacht und Trauer. Und er hinterlässt meist auch Menschen, die unfreiwillig Zeuge werden – Lokomotivführer etwa"

Eben darum wäre es besser, soetwas in einem professionellen Umfeld geschehen zu lassen, statt die Leute mit dem Problem allein zu lassen.


Zu seinem letzten Absatz kann man ihm aber nur Beipflichten: welchen Sinn machen monatelange Wartezeiten bei den Therapeuten, die auf Kasse arbeiten?
Und wer liefert sich schon selber wegen Selbstmordgefahr ein, schließlich ist dann die zumindest zeitweise Entmündigung sicher?

Anonym hat gesagt…

Das ist ene freie entscheidung,wenn jemand aus dem Leben treten möchte,ohne anderen in Gefahr zu bringen(vorm Zug werfen,armer Lockführer)...